Vetus Latina

Nach Pierre Sabatier
neu gesammelt und herausgegeben
von der Erzabtei Beuron
unter der Leitung von Thomas Johann Bauer

Was ist die Vetus Latina?

Vetus Latina oder ‚altlateinische Bibel‘ ist die Sammelbezeichnung für die große und sehr verschiedenartige Gruppe der lateinischen Bibeltexte, die seit dem 2. Jahrhundert in den christlichen Gemeinden in Gebrauch waren. Mit der Ausbreitung und dem Siegeszug des Christentums im Römischen Reich setzte sich das Lateinische als Verkehrssprache gegenüber dem Griechischen immer stärker durch – in Nordafrika ebenso wie in Spanien, England, Gallien und in Germanien. So entstand eine Vielzahl recht unterschiedlicher, oft ungenauer und bis dahin von der Kirche nie autorisierter Bibelübersetzungen. Diese Bibelschwemme wurde im 4. Jahrhundert gestoppt, als die Vulgata ihren Anfang nahm. Sie ist derjenige lateinische Bibeltext, der die Fülle der Vetus Latina abgelöst und sich seit der karolingischen Epoche ihr gegenüber endgültig durchgesetzt hat.

 

Die Vulgata ist eine Sammlung von Büchern mit verschiedenartigen biblischen Texten. Ihren Grundstock bilden im Alten Testament die Übersetzungen, die Hieronymus († 419) unter Benutzung altlateinischer Texte direkt aus dem Hebräischen geschaffen hat. In den restlichen Teilen des Alten und Neuen Testaments ist die Vulgata die – nur in den Evangelien von Hieronymus – revidierte Fassung einer der verschiedenen Formen des altlateinischen Bibeltextes. Sie stellt einen individuellen Text dar, der sich aus der Überlieferung eindeutig rezensieren lässt, auch wenn er in seiner langen Geschichte verschiedene Bearbeitungen und Ausgaben erfahren hat.

Demgegenüber umfasst die Vetus Latina alle aus dem Griechischen übersetzten Bibeltexte, die nicht zur Vulgata gehören. Die Vetus Latina ist nur sehr bruchstückhaft überliefert. Neben wenigen erhaltenen Handschriften, die unregelmäßig über die Bibel verteilt sind, treten als wesentliche Quelle für ihre Erforschung die biblischen Zitate und Anspielungen bei den lateinischen und in früher Zeit ins Lateinische übersetzten Kirchenschriftstellern. Unter ihnen bilden die Zitate des Bischofs Cyprian von Karthago († 258) einen sicheren Ausgangspunkt. In Wortschatz und Übersetzungsart unterscheidet sich Cyprians Text erheblich von späteren Textformen, für die seit dem 4. Jahrhundert die Quellen reichlich fließen.

Ein Urdokument der europäischen
Kultur- und Geistesgeschichte

Der Text der lateinischen Bibel gehört zu den prominentesten Urkunden der abendländischen Zivilisation. Die vielfältigen Überarbeitungen, die er im Lauf der Jahrhunderte unablässig erfahren hat, spiegeln seine Entwicklung wider. Unsere gesamte intellektuelle und religiöse Geschichte bildet sich in seinen Lesarten ab. Die lateinische Bibel ist eine hervorragende Informationsquelle nicht nur für Theologen, sondern auch für Historiker und Philologen. Sie bezeugt eine große Anzahl von Sprachebenen, die vom volkstümlichsten Ausdruck bis hin zur höchsten stilistischen Raffinesse reichen. Dadurch besitzt die Vetus Latina einen kaum zu überschätzenden Wert für die Kultur- und Geistesgeschichte des Abendlandes.

Dabei darf man nicht der Fehleinschätzung unterliegen, die Vetus Latina mache den lateinischen Urtext der christlichen Bibel zugänglich. Vielmehr handelt es sich bei der altlateinischen Bibel um bruchstückhaft überlieferte Übersetzungen des Urtextes, für das Alte Testament zudem Tochterübersetzungen der recht freien griechischen Übersetzung (Septuaginta) des hebräischen Originals. Und dennoch ist die altlateinische Bibel gerade in ihrer archaischen Mannigfaltigkeit ein großartiges Zeugnis für die Art und Weise, in der sich das Abendland die christliche Botschaft zu eigen machte. Die viel beschworenen christlichen Wurzeln des Abendlandes werden durch die Edition der Vetus Latina sinnfällig vor Augen geführt.

Codex Bonifatius

Ausschnitt aus dem Codex Bonifatianus (vollendet 547) mit Text aus dem Jakobusbrief.

Folianten

Folianten aus der Beuroner Klosterbibliothek

Erzabtei Beuron

Die Erzabtei Beuron im Donautal

Griechische Handschrift

Griechische Handschrift

 

„Was hier vor sich geht, ist nicht allein ein großes wissen- schaftliches Unternehmen mit Subskribenten in allen Erdteilen und mehreren Dutzend Ländern. Es ist die faszinier- endste Ausgrabungsarbeit, die sich denken läßt. Was da zutage kommt, spiegelt schärfer und tiefer die Zeit seines Ursprungs als alles, was sonst ausgegraben werden könnte. Was für eine Zeit! Es sind die Jahrhunderte, in denen das Abendland wurzelt.“
Peter Härlin, Frankfurter Allgemeine Zeitung